The Post-War Era
Physik Und Philosophie

W. Heisenberg, Physik und Philosophie. Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 1959. Wiederabgedruckt in: Heisenberg, Gesammelte Werke, Band C2, W. Blum et al., Hsgb. München: Piper, 1984. S. 3-201. Vortragsreihe an der Universität von St. Andrews, Schottland, Winter 1955-56.

Auszug aus dem Kapitel, Die Quantentheorie und die Anfänge der Atomlehre, S. 55-56.

In der Philosophie des Demokrit sind die Atome ewig und unzerstörbare Einheiten der Materie, sie können sich niemals ineinander verwandeln. In bezug auf diese Frage aber wendet sich die moderne Physik offensichtlich gegen den Materialismus des Demokrit und entscheidet sich für Plato und die Pythagoreer. Die Elementarteilchen sind sicher nicht ewige und unzerstörbare Einheiten der Materie, sie können tatsächlich ineinander umgewandelt werden. Wenn zwei Elementarteilchen mit hoher Geschwindigkeit aufeinanderstoßen, so können viele neue Elementarteilchen dabei erzeugt werden, und zwar entstehen sie aus der Bewegungsenergie, die dabei zur Verfügung steht; und die zusammenstoßenden Teilchen können möglicherweise dabei verschwinden. Solche Vorgänge sind häufig beobachtet worden und liefern den besten Beweis dafür, daß alle Teilchen aus der gleichen Substanz, aus Energie bestehen. Aber die Ähnlichkeit der modernen Anschauungen zu denen Platos und der Pythagoreer geht noch weiter. Die Elementarteilchen in Platos Dialog Timaios sind ja letzten Endes nicht Stoff, sondern mathematische Form. ¸Alle Dinge sind Zahlen' ist ein Satz, der dem Pythagoras zugeschrieben wird. Die einzigen mathematischen Formen, die man in jener Zeit kannte, waren solche geometrischen oder stereometrischen Formen wie eben die regulären Körper und die Dreiecke, aus denen ihre Oberfläche gebildet ist. In der heutigen Quantentheorie können wir kaum daran zweifeln, daß die Elementarteilchen letzten Endes auch mathematische Formen sind, aber solche einer sehr viel komplizierteren und abstrakteren Art. Die griechischen Philosophen dachten an statische, geometrische Formen und fanden sie in den regulären Körpern. Die moderne Naturwissenschaft aber hat seit ihren Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert das Bewegungsproblem in den Mittelpunkt gestellt, also den Zeitbegriff in die Grundlagen eingeschlossen. Unveränderlich in der Physik seit Newton sind nicht Konfigurationen oder geometrische Formen, sondern dynamische Gesetze. Die ¸Bewegungsgleichung' gilt zu allen Zeiten, sie ist in diesem Sinne ewig, während die geometrischen Formen, wie z. B. die Bahnen der Planeten, sich ändern. Daher müssen die mathematischen Formen, die die Elementarteilchen darstellen, letzten Endes Lösungen eines unveränderlichen Bewegungsgesetzes für die Materie sein.

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